Wie geht man mit einer schweren Sportverletzung um? – Eine persönliche Story

Verletzungen im Sport sind echter Mist aber sie passieren nun mal. Manche sind nicht so schwerwiegend, wie eine Prellung oder eine Bänderzerrung. Andere dagegen sind umso schwerer und benötigen einen operationalen Eingriff, wie zum Beispiel ein Kreuzbandriss – Heilungszeit: 12 Monate – WTF?

Vor gut 6 Monaten bei den Berlin Open mit dem Nationalteam war es bei mir soweit: Sprung, Pass Interception, doofes Aufkommen mit einem anderen Knie im Kontakt und dann ein kurzer, stechender Schmerz im Knie. Der Schmerz ließ schnell nach, aber so ganz stabil fühlte sich das Knie beim Laufen nicht mehr an. Ein paar Tage später gab es dann Klarheit im MRT: mein vorderes Kreuzband war mir doch tatsächlich abhanden gekommen. „Glück im Unglück“: es war nur das Kreuzband und kein Meniskus oder Kapselschaden dabei.

Du kannst dir wahrscheinlich vorstellen: Wenn Sport und Lacrosse dein halbes Leben ist und du dich stark darüber definierst, ist das eine ziemlich öde Diagnose. In der Zeit nach der Operation habe ich mir viele Gedanken gemacht, hatte meine Höhen und Tiefen und möchte meine Erfahrung mit dir teilen.

Am Anfang denkt man: „Ach das war nicht so schlimm, da ist bestimmt nur etwas überdehnt, das wird schnell wieder.“ Das geht dann irgendwann über zu: „Mist, kann echt sein, dass da was richtig kaputt ist.“ Und dann bekommt man nach dem MRT die Klarheit: „Krass, du hast dir echt das Kreuzband gerissen. Was ein Abfuck.“

Die wirkliche Realisierung dauert dann noch ein wenig, weil man es einfach nicht wahrhaben möchte. Aber wenn man es realisiert hat, gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. Man versinkt in Selbstmitleid und versucht sich abzulenken
  2. Man stellt sich der neuen Herausforderung und macht das Beste draus

Nachdem ich ein paar Tage Möglichkeit 1 ausgecheckt hatte, merkte ich schnell, dass davon mein Knie nicht besser wird. Damn, also Möglichkeit Nummer 2.

Mit der Realisierung, dass ich wirklich stark verletzt war, begann der Heilungsprozess. Ich fragte mich, was kann ich jetzt kontrollieren und tun damit ich wieder ein stabiles Knie bekomme.

Der erste Schritt war den besten Kreuzband-OP-Spezialisten in meinem Umfeld zu finden. Nach ein paar Nachrichten ins Netzwerk, kamen die ersten Empfehlungen rein. Zwei Krankenhäuser mit guten Kreuzbandspezialisten kamen in die engere Auswahl – ich entschied mich dann für das, wo ein Lacrosse Teamkollege als Assistenzarzt arbeitete.

Durch den Kontakt bekam ich auch schnell einen Termin und 10 Tage nach Verletzung lag ich auf dem OP Tisch. Es war schon nen bisschen Schiss in der Buchse dabei muss ich zugeben. „Was ist wenn die mein Knie komplett verkacken?“ Letzten Endes haben sie das natürlich nicht. Der Dude, der mein Knie operiert hat, macht im Schnitt 3-4 Kreuzbänder pro Tag, unter anderem bei Fußballspielern von Preußen Münster – da ist Routine am Werk.

Die Recovery startet dann ab Tag 1 nach der OP. Laufen ist erstmal nicht angesagt sondern Krücken und Schmerzen (aber da gibt’s dann natürlich auch nices Zeug gegen im Krankenhaus 😉 ). Erstmal langsam aufstehen und etwas bewegen – Blutzirkulation hilft der Heilung. Dann folgt etwas Bewegung des Knies und leichte Kraftübung auf dem Krankenhausbett mit dem Physiotherapeuten. Jeden Tag ein bisschen mehr. Aber all das verhindert nicht, dass sich die Muskeln im Bein erstmal sehr stark zurückbilden und man ein süßes dünnes Modelbeinchen bekommt.

Volle Belastung ohne Krücken geht dann nach 6 Wochen. Man erhält üblicherweise ein Behandlungsschema vom Arzt und sollte sich auch daran halten. Denn wenn man zu früh wieder anfängt ist die Chance der Re-ruptur des Kreuzbands enorm hoch.

Mittlerweile, nach 6 Monaten, kann ich wieder anfangen leicht zu joggen. Muskelaufbau mit Köpergewichtsübungen und Arbeit an der Dehnung geht auch schon viel früher.

Insgesamt kann ich sagen, dass die Verletzungszeit schon eine sehr schwere Zeit für mich war – besonders am Anfang – aber dass ich auch viel über mich gelernt habe, neue Hobbies (wieder-) entdeckt habe und mental definitiv stärker geworden bin.

Hier sind meine 3 größten Takeaways:

Das Konzept von Achtsamkeit hilft enorm beim Umgang mit einer Verletzung.

Ich liebe Lacrosse und brenne für den Wettbewerb auf dem Feld und persönliche Entwicklung im Training und im Gym. Deshalb war die Verletzung ein herber Schlag für mich.

Je eher ich aber den neuen Zustand akzeptieren konnte, desto besser ging es mir. Wenn man die negativen Emotionen zulässt und akzeptiert, kann man diese auch verarbeiten.

Im Moment zu sein und sich auf die Dinge zu fokussieren, die man persönlich beeinflussen kann, ist 100x besser verwendete Energie, als Selbstmitleid zu pflegen und „Warum ist mir das passiert?“ zu denken.

Was kann man in so einer schwierigen Situation beeinflussen?

  1. Den besten Knie/Kreuzbandspezialisten finden
  2. Die Genesung planen in dem man einen sehr guten Physiotherapeuten findet
  3. Arbeit in die Genesung stecken und jeden Tag etwas für sein Knie tun
  4. Ersatzhobbies finden 😉

Verletzungen verbinden dich umso mehr mit deinem Körper.

Generell sehen wir unsere Gesundheit als gegeben an. Erst wenn wir verletzt sind, realisieren wie gut man es eigentlich hat, wenn man 100% fit ist.

Diese Wertschätzung kann der Start sein mehr auf seinen Körper zu hören und mehr für ihn zu tun. Ich habe zum Beispiel angefangen (nach dem ok vom Arzt) jeden morgen Bodyweight Training zu machen, um das Knie und umliegende Muskeln zu stärken. Außerdem habe ich Yoga in meine Routine gebracht, um an meiner schlechten Flexibilität zu arbeiten.

Steife Muskeln und schlechte Stabilität sind ein Rezept für Verletzung. An einer Verletzung zu leiden gibt einem die Chance mehr auf seinen Körper zu hören und an Schwachstellen zu arbeiten. Wenn man das ernst nimmt, kommt man vielleicht sogar stärker und fitter zurück als vorher.

Positiv bleiben.

Klar, das ist einfacher gesagt als getan. Immerhin sucken Verletzungen, besonders die mit langer Heilungsdauer schon ziehmlich rein.

Aber wenn man sich die positive Seite anschaut, kommt da ganz schön was zusammen. Fakt ist, wenn du verletzt bist, hast du auf einmal sehr viel mehr Zeit zur Verfügung – Zeit, die du damit verbringen kannst neue Dinge auszuprobieren.

Fang an Tagebuch zu schreiben, starte einen Lacrosseblog, probiere mal Meditation aus, lies mehr, ruf deine alten Freunde an, lerne eine neue Sprache oder ein Instrument, verbringe Zeit mit deinen Liebsten. Alle Sachen, die du sonst aufschiebst, weil du „keine Zeit“ hast, kannst du jetzt tun.

Ich habe zum Beispiel angefangen mit diesem Blog, habe entdeckt, dass mir Schreiben Spaß macht und veröffentliche meine Gedanken und Erfahrungen hier und auf Medium. Durch die Verletzung hatte ich viel Zeit nachzudenken und habe mich dann dazu entschlossen ein Erasmus für Jungunternehmer Program zu machen. Deshalb arbeite ich jetzt seit September in Lissabon und das ist eine sehr geile Erfahrung.

Natürlich hätte ich auch Bock gehabt mich weiterhin für das Nationalteam zu empfehlen und mit den Boys zu ballern. Aber vielleicht war die Verletzung auch gut für mich, um mich neu zu orientieren, Dinge auszuprobieren, andere erfüllende Tätigkeiten zu finden und mein Leben neu zu gestalten.

Fazit

Im Endeffekt kontrollierst du, wie du auf deine Verletzung antwortest. Lässt du dich hängen oder entscheidest du dich stärker zurückzukommen?

Our actions may be impeded, but there can be no impeding our intentions or dispositions. Because we can accommodate and adapt. The mind adapts and converts to its own purposes the obstacle to our acting. The impediment to action advances action. What stands in the way becomes the way.”

– Marcus Aurelius

Vielleicht ist die Verletzung eine Chance, um an anderen Bereichen in deinem Körper oder Leben zu arbeiten. Eins ist sicher, wenn du die Herausforderung annimmst, macht dich die Verletzung und der Erholungsprozess stärker, belastbarer und hilft dir dich noch besser kennen zulernen.


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